Stille Nacht


Leben und Sterben liegen dicht beieinander

Der Vormittag ist grau und regnerisch, als ich Peggy Hildburg das erste Mal persönlich in einem Elterncafé treffe. Zuvor hatten wir uns virtuell kennengelernt. Draußen huschen eilig die Menschen vorbei. Weihnachten naht, vieles muss noch erledigt werden. Wir sitzen zwischen stillenden Babys, krabbelnden Kleinkindern, lachenden Müttern. Hier, mitten im Leben haben wir uns verabredet, um über den Tod zu sprechen. Still geborene oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder eignen sich nicht für Gespräche in geselliger Runde. „Wie alt wäre dein Sohn jetzt?“, frage ich und Peggy antwortet: „Marvin ist viereinhalb“. In dieser Antwort liegen Kraft, Schmerz und der Wunsch über ihr ältestes Kind nicht in der Vergangenheit zu sprechen. Mit 24 wird sie schwanger. Es ist nicht das erste Mal.
Schätzungen zufolge wird rund ein Drittel aller Schwangerschaften nicht ausgetragen. Aber nun, mit Marvin, soll es endlich klappen. Dafür nimmt sie die 20 Wochen Übelkeit gerne in Kauf. Die Diagnose Hyperemesis gravidarum ist 2010 noch nicht bis zu ihren behandelnden Ärzten vorgedrungen. Ständige Übelkeit, Erbrechen, Ernährung über eine Sonde. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, die Einweisung auf eine psychiatrische Station. In der 20. Woche wird dann endlich alles besser. Doch Peggy ist nun, trotz ihres Alters, eine Risikoschwangere. Der Gynäkologe empfiehlt eine Feindiagnostik. 21. Woche. Babyfernsehen – endlich! Es dauert lange, der Arzt arbeitet still. Die Mutter betrachtet ihr Baby. Der Arzt die Geräte. Er bittet sie zu warten. Dann diese Worte: „Ihr Baby ist nicht lebensfähig“. Peggy hört, was der Diagnostiker sagt, aber verstehen kann sie es nicht. Wie auch? „Aber er bewegt sich doch! Er
reagiert, wenn Papa mit ihm spricht! Er lebt doch! Das habe ich dem Arzt immer wieder gesagt“. Die medizinische Definition von Leben und ihre eigene passen nicht zusammen. „Das habe ich nicht verstanden“. Bis heute
nicht. Ihr Sohn, so erklärt ihr der Arzt, hat ein Dandy-Walker-Syndrom und einen Hydrocephalus, im Volksmund „Wasserkopf“ genannt. Dort, wo eigentlich das Kleinhirn sein sollte, ist eine Zyste. Nicht überlebensfähig. Mit der Diagnose und einem munteren Baby im Bauch verlässt die Peggy den Raum. Bricht kurz darauf zusammen. Ihr Mann kommt, so schnell er kann. Für die junge Familie beginnt ein Alptraum. Es folgen weitere Untersuchungen. Ein Humangenetiker berät die beiden. Rät zum Abbruch. Dass es Kinder gibt, die mit diesem Syndrom in verschiedenen Ausprägungen leben oder, dass man das Baby auch austragen kann – diese Möglichkeiten werden nur am Rande erklärt. „Heute weiß ich es – und ich kann es mir nicht verzeihen. Marvin hätte entscheiden müssen, wie lange er bei uns bleibt“. Der Konflikt ist groß. Sie und ihr Mann wachsen in dieser Zeit als Paar noch enger zusammen. Sie entscheiden sich für eine Einleitung der Geburt. In der 25. Woche ist es soweit. Die Mittel schlagen nicht sofort
an. Alles zieht sich hin. Darunter entstehen in der Absurdität der Ereignisse völlig normale Momente einer Geburt. André, der werdende Vater wird zum Schlafen nach Hause geschickt und fast zu spät zurückgerufen. Wir
müssen beide lachen. Als Marvin still geboren wird, schreit im Kreißsaal nebenan ein Baby sein erstes Mal. André bricht zusammen. „Es tut mir so leid“. Immer wieder wiederholt er diesen Satz, kann zunächst nicht bei
seinem Sohn bleiben. „Dann war ich da. Allein. Im Kreißsaal. Mit meinem toten Baby auf der Brust. Und hab ihm immer wieder gesagt: Wach doch auf! Er sah so perfekt aus“. Marvin wacht nicht auf. Er ist 27 cm groß und wiegt 495 Gramm. Nach deutschem Recht ist Marvin keine Person. Missed Abortion steht im Mutterpass: Fehlgeburt. Peggy Hildburg verliert damit trotz der Geburt jeden Anspruch auf Mutterschutz. Erst ab einem Gewicht von 500 gr. oder wenn ein Kind bei der Geburt, egal wie lange, noch lebt, kann die Mutter diesen gesetzlichen Schutz in Anspruch nehmen, sich im Wochenbett ausruhen, die Begleitung einer Hebamme würde bezahlt. Vor dem Gesetz hat sie kein Baby und ist selbst keine Mutter. Nicht einmal eine Geburtsurkunde erhält sie. Ein doppelter Schlag. Am Tag nach der Geburt wird sie entlassen. Bauch und Arme leer. In der Tasche ein Mutterpass mit einem Foto ihres Sohnes und seinen Fußabdrücken. Als ihre Oma von den Ereignissen erfährt, erleidet diese einen Schlaganfall. Immer wieder sagt
sie: „Das Baby ist weg“. Erst dann erfährt Peggy, dass sowohl ihre Großmutter, als auch ihre Mutter Sternenkinder geboren haben. Später werden die Frauen in der Trauer um den Enkel auch zur Trauer um ihre Kinder finden. Gemeinsam mit ihrer Schwägerin kehrt Peggy wenig später zurück zur Klinik. Sie holen ihren toten Sohn in einem kleinen Pappsarg ab und bringen ihn zum Friedhof. Am Seiteneingang des Krematoriums nimmt ihnen jemand die Kiste ab. Kein würdiger Abschied. Keine Beileidsbekundung. Die Tür schließt sich. Marvin ist endgültig fort. Gute
Wünsche und Anteilnahme wird es auch sonst keine für die Familie geben. Was bleibt ist eine große Sprachlosigkeit im Freundeskreis. Niemand weiß, wie man mit so etwas umgeht. Freundschaften zerbrechen daran. „Ihr seid doch noch jung…“ Da ist er, dieser verhasste Satz. Als wäre es egal, welches Kind man bekommt und ob überhaupt. „Nur wenige haben verstanden, dass ich dieses Baby, unseren Sohn vermisse!“ Über die Sprachlosigkeit und eine schlechte Fotoaufnahme kommt die Hobbyfotografin ins Handeln. Wie andere Mütter auch, würde sie gerne von der Geburt berichten, Fotos zeigen, stolz sein… . „Das Foto, was wir haben, können wir niemanden wirklich zeigen“. Dabei ist gerade dieses Bild so wichtig. Das bestätigen mir auch weitere Frauen mit denen ich spreche. Zum Beispiel Anja, deren Sohn während der Geburt verstarb: „Ich kann mich nicht bildlich an Timm erinnern“. Damals sei alles so schnell gegangen. Die Sprachlosigkeit herrscht oft auch auf professioneller Ebene. Niemand erklärt, weshalb es
gut und wichtig ist, sich in Ruhe von seinem Kind zu verabschieden, womöglich die Freunde und die Familie dazu zu holen, es taufen zu lassen, Bilder zu machen. Erinnerungen, die von nun an für ein ganzes Leben
reichen müssen. Peggy Hildburg gründet deshalb auf Facebook die Gruppe „Sternenkinder“. Sie will Eltern einen Raum für Trauer und Kindern einen Namen geben. Sie will informieren. Und sie vernetzt sich. Sie engagiert
sich als Fotografin bei „dein-sternenkind.eu“. Rund 300 Fotografinnen und Fotografen bieten dort deutschlandweit Eltern die Möglichkeit sie während dieser Stunden kostenlos zu begleiten. Sie arbeitet bei der Klinikaktion
„Schmetterlingskinder“ mit und näht kleinste Babysachen, die die Krankenhäuser in einer besonderen Kiste vorhalten, für Eltern deren Kinder viel zu früh still geboren werden. Es geht um Würde. Auch und gerade bei
diesen Abläufen. Sie lernt Familie Martin kennen, die sich mit einer Petition letztlich erfolgreich dafür einsetzen, dass auch Kinder unter 500 Gramm, egal in welcher Woche und auf welche Weise sie zur Welt kamen, im Stammbuch der Familie eingetragen werden. Seit Mai 2013 gibt es diese Möglichkeit. Ein zunächst kleiner Schritt – ohne rechtliche Folgen, denn die Regelung, dass diese Kinder juristisch betrachtet keine Personen sind, bleibt. Dennoch ein wichtiger Schritt: „Das hat uns Würde gegeben“, sagt Peggy, die nach Marvin zwei Mädchen zur Welt bringt. Die erste
Folgeschwangerschaft ist stark angstbesetzt. Sie ist in therapeutischer Behandlung. Eine natürliche Geburt kann sie sich unter gar keinen Umständen vorstellen. Anders bei der nächsten. Die jüngste wird nun bald ein Jahr. Peggy Hildburg ist Mutter dreier Kinder. Auch Trauerkinder lernen laufen und irgendwann, da wachsen der Trauer Flügel. Dennoch Marvin war nicht, er ist. „Er fehlt mir jeden Tag“. Am Tag dieses Gesprächs halte ich meine Kinder besonders fest im Arm. Die Große und Marvin sind in etwa gleich alt. Im vergangenen Jahr kamen 4.084 Kinder tot zur Welt bzw.
verstarben in den ersten vier Wochen nach der Geburt. Kinder wie Marvin nicht mit eingerechnet. Oft sind die Gründe nicht bekannt. Wir müssen darüber reden. Gemeinsam lachen und gemeinsam weinen. Indem wir diese Kinder beim Namen nennen, holen wir sie in unsere Herzen und lassen die Eltern mit der Trauer nicht allein.

Für Frieda, Luna, Timm, Karl, Konstantin, Marvin und all’ die anderen Sternenkinder…

Zur Facebookgruppe von Peggy Hildburg geht es hier. Hier gibt es Kontakt zur bundesweiten Fotografendatei “Dein Sternenkind“.
In anderer Form wurde dieser Artikel am 23. Dezember in der “Katholischen Tagespost” veröffentlicht. Diesen Artikel kann man nach Registrierung hier lesen.

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