Eine Rose gegen die Gewalt – #rosrev


Sie hatte es gesagt. Laut und deutlich. „Nein, ich will das nicht!“ Nach Stunden des Schmerzes, die schweißnassen Haare kleben im Nacken und im Gesicht. Dennoch. Sie hatte sich gerade hingesetzt und „Nein!“ gesagt. Es war alles sehr anstrengend gewesen. So richtig ging die Geburt nicht voran. Das zumindest sagte die Hebamme vor anderthalb Stunden, als sie das letzte Mal im Zimmer war. Nun ist sie mit dem Doktor wieder gekommen. Den hatte sie noch überhaupt nicht gesehen. Dienstwechsel. Einen Namen nennt er nicht. Zur Begrüßung steckt er seine Hand in ihre Vagina. Die Untersuchung ist schmerzhaft. Die Bitte, das zu lassen, überhört er geflissentlich. Eine Ärztin im Praktikum, eine Hebammenschülerin und eine Schwester. Alle blicken konzentriert zwischen die gespreizten Beine der Frau. „Wenn Sie den Befund bestätigen wollen, Frau Kollegin“. Jetzt ist die junge Ärztin dran. Aus der dann folgenden Unterhaltung entnimmt die Frau die Wortfetzen „zu lange“ und „Geburtsstillstand“. Dann erst wendet man sich an sie. Ein Kaiserschnitt sei notwendig. Das Kind käme auf natürlichem Wege da nicht raus. „Es ist doch nur zu Ihrem Besten“. Sie versteht nicht, warum. Fragt nach. Das CTG sei schlecht. Ihr Einwand, dass man das noch einmal schreiben könne, um Irrtümer auszuschließen, erfährt ein: „Wer ist hier der Arzt?“. Zwischendurch huscht die Hebamme aus dem Raum. Fragen bleiben unbeantwortet. Sie lehnt ab. Regt sich auf. Das alles unter heftigen Wehen. Die Herztöne des Kindes reagieren mit. „Sehen Sie!“ Nun reiche es. Bei unkooperativen Frauen sei man auf die Vollnarkose angewiesen. Der Mann steht fassungslos neben seiner vor Schmerzen zitternden Frau. „Sie hat Nein! gesagt“. Die Antwort: „Wollen Sie etwa, dass ihr Kind stirbt“, hört sie nur noch im halbwachen Zustand. Eine Narkose beendet das Grauen nur auf Zeit. Als sie wieder erwacht ist alles falsch. Der Bauch ist leer. So leer. Da liegt ein Kind auf ihrer Brust. Wo kommt das her? Warum schreit es? Das Kind. Es wird lange Zeit brauchen, bevor daraus „mein Baby“ wird. Zeit, die eigentlich mit Glück angefüllt sein sollte. Flashbacks. Stillprobleme. Essstörung. Traumatherapie. Nie wieder ein weiteres Baby. Dabei wollte sie doch eine ganze Fußballmannschaft.

Ein Geburtsbericht nach einer wahren Begebenheit. Gewalt in der Geburtshilfe ist ein Tabuthema. Die Betroffenen äußern sich nur selten. In den meisten Fällen ist das Kind gesund. Das sollte man schließliche glücklich sein. Sollte. Offizielle Erhebungen gibt es nicht. Wie auch? Hinter vorgehaltener Hand schätzt ein Chefarzt aus dem Norden, dass rund 10 Prozent der Frauen (und auch Männer) davon betroffen sind. Dr. Katharina Hartmann hat für die Organisation „Human Rights in Childbirth“ den weltweiten Aktionstag gegen Gewalt in der Geburtshilfe, die „Roses Revolution“ mit ins Leben gerufen:
„Gewalt fängt prinzipiell dort an, wo Menschen meinen, dass sie stattgefunden hat – also eine sehr subjektive Empfindung. Der einen Frau macht das Tasten nach dem Muttermund nichts aus – der anderen verursacht es unerträgliche Schmerzen. Die eine empfindet das Dauer-CTG als beruhigend, die andere hat auch Monate nach der Geburt noch Albträume von dem galoppierenden Pochen der Maschine. Diese Empfindungen müssen respektiert werden – sonst entsteht Gewalt!“
Frauen und Männer, die diese Erfahrung gemacht haben, können am 25. November eine rosafarbene Rose vor die Tür des Kreißsaals legen, in dem sie traumatische Erfahrungen gemacht haben. Wer mag, legt einen Geburtsbericht hinzu. Dieser symbolische Akt ist für die Betroffenen Teil einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Geschehen und ein Reflexionsangebot an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken. Dort zuckt man oft hilflos mit den Schultern. Seine Tür stehe jederzeit offen, versichert ein anderer Klinikleiter eines großen Akutversorgers, dies gelte auch für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch die Frauen seien „im seelischen Ausnahmezustand“ und oft noch nicht in der Lage diese Gespräche zu führen, erklärt Katharina Hartmann.

“Human Rights in Childbirth” arbeitet international. Die Gewalt ist es auch. „Es ist erschreckend, wie sich die Geschichten länderübergreifend ähneln. Und auch die Ursachen“, Katharina Hartmann ist selbst Mutter dreier Kinder. Routine, klinische Standards, Überlastung des Personals, Angst vor der Schadensfallhaftung, die Liste von Entscheidungsgrundlagen für oder gegen einen Eingriff ist lang und beruht nicht immer auf medizinischer Notwendigkeit. „Kein Geburtshelfer kann sich darauf zurückziehen, dass eine Untersuchung oder Entscheidung zu bestimmten Eingriffen ohne Zustimmung der Frau alternativlos war. Die wirklich dringlichen Fälle sind sehr selten – und gerade in denen muss ich durch effektive Zuwendung vermeiden, dass die Frau sich als Objekt fühlt. Alles andere verletzt das Selbstbestimmungsrecht der Frau“. Häufig würden dann die Rechte der Kinder gegen die der Frauen ausgespielt: Wenn wir dies nicht tun, stirbt dein Kind, oder ist schwerbehindert! „Diese Sätze sind keine Seltenheit“, weiß auch Katharina Hartmann. „Und treffen die Frauen zutiefst. Indem man ihnen unterstellt, sie hätten kein Interesse an der Gesundheit des Kindes, das sie neun Monate unter ihrem Herzen getragen haben, verletzt man die Gebärende doppelt: als Frau und Mutter”. “Human Rights in Childbirth” ist eine Nichtregierungsorganisation. Den Regierungen scheint weltweit wenig daran gelegen sich für die Menschenrechte in diesem Bereich zu engagieren. Selbst in „zivilisierten Staaten“ wie den USA oder Griechenland gibt es staatlich angeordnete Zwangskaiserschnitte oder es fehlen, wie in Deutschland, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für eine sichere, selbstbestimmte Geburt mit freier Wahl des Geburtsortes.

Am Abend nach der eingangs geschilderten Geburt legt eine junge Ärztin im Praktikum ihre Dienstkleidung beiseite, betrachtet ihren Bauch, der noch nicht geboren hat. Es war die erste Geburt, bei der sie dabei gewesen ist. Als einzige fast über die ganze Zeit. Sie wusste nichts über Geburten und war sich nun nicht sicher, ob sie mehr darüber wissen wollen würde.

Die „Roses Revolution“ findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Jede und jeder kann mitmachen. Informationen gibt es in der gleichnamigen Facebookgruppe.

Diesen Artikel habe ich in meinem Blog bei der Huffington Post veröffentlicht.

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