Anhörung in Brüssel vor dem FEMM-Ausschuss


Anlässlich der Safe-Motherhood-Week hat der EU-Abgeordnete Arne Gericke von der Familienpartei eine Anhörung vor dem FEMM-Ausschuss in Brüssel initiiert. Ich war für Mother Hood e.V. eingeladen über die Situation der Geburtshilfe in Deutschland zu sprechen.

Hier gibt es ein Video von der Veranstaltung.

Hier ist meine Rede im Wortlaut:

Sehr geehrte Ausschussmitglieder,
sehr geehrte Abgeordnete,
sehr geehrte Gäste,

die Elterninitiative Mother Hood e.V. aus Deutschland bedankt sich für diese Gelegenheit hier vor diesem Ausschuss über den Zustand der Geburtshilfe in Deutschland sprechen zu dürfen. Vielleicht sind Sie verwundert, weshalb ausgerechnet deutsche Frauen, ausgerechnet deutsche Familien hier darüber sprechen wollen, wie schlecht es um die Geburtshilfe in Deutschland bestellt ist.

Vordergründig mag es vermessen klingen: Die Gesundheitsausgaben lagen im Jahr 2014 bei etwa 328 Milliarden Euro. Pro Kopf gaben wir zuletzt etwa 4.800 Dollar aus. Das liegt weit über dem OECD-Durchschnitt. Zahlreiche Europäische Staaten investieren weit weniger Geld in die Gesundheit. Wie kann es also um ein so reiches Land, auf dessen Gesundheitssystem viele Länder beispielhaft blicken, ausgerechnet in der Geburtshilfe schlecht bestellt sein?

Nun 3,2 Sterbefälle pro 1.000 Lebendgeborene Säuglinge und 4.2 Sterbefälle bei Müttern pro 100.000 Geburten geben durchaus Anlass zur Sorge. Denn – und das darf dabei nicht vernachlässigt werden – es handelt sich bei diesen Fällen um so genannte „vermeidbare Todesfälle“. Wir sprechen von jedem 300. Baby, das das erste Lebensjahr nicht erreicht und etwa 30 Müttern, die nachweislich im direkten Zusammenhang mit der Geburt verstorben sind. Insbesondere die Tatsache, dass nach Angaben der Deutschen „Stiftung Kindergesundheit“ hierfür vor allem soziale Faktoren wie Bildung, Arbeitslosigkeit und andere Formen sozialer Benachteiligung verantwortlich sind, wirft kein gutes Licht auf die deutsche Politik in vielen Lebensbereichen. Auch die Größe einer Geburtsklinik mit den entsprechenden Fallzahlen soll eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Diese Erkenntnisse sind nicht neu. ‘

Und ich sage bewusst „soll“. Denn aus unserer Sicht ist dieser Zusammenhang lediglich in Bezug auf frühe Geburten ausreichend wissenschaftlich belegt. Denn – die sicherste Geburtshilfe, so wissen wir heute, ist eine mütterzentrierte Arbeit, die sich an den Bedürfnissen der einzelnen Frau orientiert und damit automatisch auch die beste Versorgung für das ungeborene Kind ermöglicht.

Sicher sind Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett genau dann, wenn die Frau während dieses Zeitraums eine kompetente Fachkraft an ihrer Seite hat, die sie möglichst in durchgängiger 1:1-Betreuung begleitet, unterstützt, mögliche Pathologien erkennt und entsprechende Maßnahmen ergreift – die Hebamme. Und genau diese sichere Geburt fordern wir Eltern in Deutschland. In der Realität sind wir davon weit entfernt.

Von 1.142 Fachabteilungen mit Geburtshilfe im Jahr 2000 sind heute noch etwa 790 verblieben. Begründet werden diese Schließungen durch die Politik mit der sinkenden Anzahl der Geburten und eben falscher Annahmen wie jener, dass auch bei gesund verlaufenden Schwangerschaften nur große Kliniken mit einer entsprechenden Fallzahl gute Ergebnisse ermöglichen. Für uns Familien ist diese Entwicklung fatal: Vor allem die strukturschwachen Gebiete, in denen häufig jene Frauen leben, die aufgrund von sozialen Faktoren ein höheres Sterblichkeitsrisiko für Mutter und Kind aufweisen, sind von diesen Schließungen betroffen.

Die Annahme vom Rückgang der Geburtenzahlen geht auf eine zukünftige, noch stattfindende Bevölkerungsentwicklung ein – zuletzt stieg die Anzahl der Geburten. Die Frauen müssen nun längere Wege in Kauf nehmen, was wiederum zu Komplikationen im Geburtsverlauf führt. Die Verunsicherung, insbesondere bei Erstgebärenden ist groß. Ohne vorhandene Rettungskonzepte werden Kliniken geschlossen oder nachts Kreißsäle aus der Versorgung abgemeldet. Wolgast, Künzelsau, Alsfeld, Niebüll, Bad Gandersheim, Rinteln…

Die Liste der Schließungen und der Elternproteste dagegen ist lang. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo in Deutschland Familien für ihre Geburtskliniken auf die Straße gehen. Diese Entwicklung trifft zeitgleich auf ein anderes Problem. Aufgrund der immens gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherungen für Geburtshelfer, geben immer mehr Hebammen ihre geburtshilfliche Tätigkeit auf.

In der Folge finden Frauen kaum noch Begleiterinnen für außerklinische Geburten Zuhause, in Geburtshäusern oder als Privathebammen in Kliniken. Doch auch in den Kreißsälen werden Hebammen zur Mangelware. Mangelhafte Vorgaben zur Personalbemessung führen dazu, dass nach Erhebungen des deutschen Hebammenverbandes 35 Prozent der Hebammen zwei Frauen gleichzeitig betreuen. 46 Prozent geben an, drei Frauen gleichzeitig zu betreuen, 20 Prozent betreuen sogar vier oder mehr Frauen zeitgleich.

Ganz davon abgesehen, was das für Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Hebammen hat – und letztlich häufig zu deren Berufsaufgabe führt: Ich will Ihnen sagen, was das, gepaart mit völlig falschen Vorgaben im Vergütungssystem für Kliniken, für unsere Kinder und uns Frauen bedeutet: Mehr Interventionen, größere Risiken, Traumatisierungen und deutlich weniger gesunde Geburten. Nur etwa 10 bis 15 Prozent aller Geburten verlaufen in Deutschland heute ohne medizinische Eingriffe.

Die Kaiserschnittrate ist in Deutschland seit 2000 um zehn Prozent von knapp 21 auf 31 Prozent gestiegen, in manchen Regionen, auch in meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern liegt sie weit darüber. Frauen bekommen in Deutschland eine große Bauchoperation mit allen gesundheitlichen Risiken, weil es besser in den Dienstplan passt, die Auslastung stimmt und die Geburtshelfer Angst vor einer möglichen Haftung haben. Aus den gleichen Gründen werden Frauen in der Schwangerschaftsvorsorge durch zahlreiche Risiken kategorisiert und zu Untersuchungen gezwungen, die individuell nicht zwingend notwendig wären.

Aus der Geburt, dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe Kinder zu gebären und zu erziehen, ist ein Geschäft geworden. Ein Geschäft, das die zusätzliche und unnötige Gefährdung der Gesundheit von Frauen und Kindern billigend in Kauf nimmt und auch volkswirtschaftliche Risiken eingeht: Denn niemand weiß bisher, welche Folgekosten beispielsweise durch diese hohe, und noch steigende, Kaiserschnittraten entstehen.

Kaiserschnittkinder haben ein deutlich höheres Risiko an Asthma, Diabetes oder Allergien zu erkranken. Sie werden seltener gestillt und die Mütter bekommen seltener und weniger Folgekinder. Und so stehen wir alle da – in unserer Wut. Viele von uns verletzt, traumatisiert und in Angst um unsere noch ungeborenen Kinder und Kindeskinder.

Wir sind laut und gehen auf die Straße, organisieren unseren Protest in den sozialen Medien, reichen Petitionen ein und sprechen mit den Abgeordneten unserer Länderparlamente und des Bundestages genauso wie mit den zuständigen Mitgliedern der Bundesregierung – und nun auch mit Ihnen hier im Europaparlament. Oft werden wir nicht verstanden. „Hauptsache, das Kind ist gesund“, heißt es bei uns. Was gleichzusetzen ist mit: Wenn du und dein Kind die Geburt lebend überstanden haben, ist alles in bester Ordnung. Welchen Preis wir im Einzelnen und die Gesellschaft als Ganzes dafür zahlen, scheint keine Rolle zu spielen.

Ich möchte Ihnen etwas mit auf den Weg geben: Begreifen Sie uns Frauen, uns Familien, als kompetent in den Entscheidungen für unsere Gesundheit. Verstehen Sie, dass nicht mehr Regulierung und Technisierung, sondern Bildung und Ermutigung zur Eigenverantwortung der Schlüssel für sichere Geburten und gesunde Familien sind. Binden Sie uns Familien in Entscheidungsprozesse ein. Nehmen Sie uns nicht unsere Würde, indem Sie die persönliche Freiheit der Frauen in der Entscheidung über ihren Körper einschränken. Stärken Sie durch Ihr Handeln hier im Parlament beispielsweise das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes. Schützen Sie den Berufsstand der Hebammen. Ergreifen Sie Maßnahmen, die allen Kindern in Europa eine sichere Geburt und damit einen guten Start ins Leben ermöglichen.

Brüssel, den 29. September 2016

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