Anhörung meiner Petition zur selbstbestimmten Geburt 1


Am 20. Juni habe ich vor dem Petitionsausschuss des Bundestages in Berlin zu meiner Petition zum Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes und eine Bezugshebamme im Schlüssel von 1:1 öffentlich Stellung genommen. Die gesamte Anhörung kann man sich hier (ab Min. 60 ansehen) und hier geht es zum Petitionstext.

Dies war mein Eingangsstatement (Einzelzitate mit Autorenennung/kein Abdruck ohne vorherige Genehmigung)

Sehr geehrte Frau Ausschussvorsitzende,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin,
meine Damen und Herren, liebe Zuhörer*innen,

ich bedanke mich bei Ihnen für die Gelegenheit zu meiner 2014 eingereichten Petition persönlich Stellung zu nehmen. Der Text liegt Ihnen vor, insofern will ich Ihre und meine Zeit nutzen, um mein Anliegen zu vertiefen.

Ich weiß, dass einige unter Ihnen der Ansicht sind, in dieser Sache gäbe es nichts mehr zu tun. Schließlich waren die Hebammen in den vergangenen Jahren mehr oder wenig in aller Munde und es hat tatsächlich einiges an Bewegung auf diesem Gebiet gegeben. Sicherlich werden Sie in der Folge noch auf den Sicherstellungszuschlag für freiberufliche Hebammen mit wenigen Geburten, den Regressverzicht, das erneute Haftpflichtversicherungsangebot und die Einführung von Qualitätsstandards zu sprechen kommen.

Lassen Sie mich deshalb jetzt darüber reden, was bisher nicht zur Sprache gekommen ist:

Ehrlich gesagt, geht es mir nicht anders als Ihnen. Ich habe von „den Hebammen“ die Nase gestrichen voll. Nicht nur, dass die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Verbänden der Hebammen wahrlich nicht vergnügungssteuerpflichtig ist – der Fokus auf „die Hebammen“ entspricht auch in keiner Weise dem, worum es uns als Frauen, als Familien wirklich geht:

Seit Jahren diskutieren wir über Vergütungshöhen, ob Selbstverwaltung ja oder nein, Qualitätsstandards ja oder nein – und wenn ja welche. Wir sprechen über Versicherungen und darüber, dass sie bald nicht mehr vorhanden oder zu teuer sind…

Ich könnte die Liste so fortsetzen und sie würden jene Gespräche wiederfinden, die Sie persönlich oder Ihre Kolleginnen und Kollegen in den Fraktionen im Laufe der Zeit geführt haben.
Bei all’ dem scheint man bisher davon auszugehen, dass damit auch automatisch über die Rechte der Frauen und der Kinder verhandelt wird. Doch hat man uns einmal gefragt, ob wir mit diesen „Pflichtverteidigern“ einverstanden sind?

Unser Recht auf eine selbstbestimmte Geburt, auf die Unversehrtheit unserer Körper, auf die bestmögliche Gesundheit für uns und unsere Kinder ist nicht an die Frage eines Sicherstellungszuschlages u.a. Maßnahmen für freiberufliche Hebammen gekoppelt.
Vielmehr ist es umgekehrt:

Der Einräumung und Wahrung dieses Rechtes folgen alle anderen Maßnahmen. Ich will Ihnen erklären, weshalb:

Kinder zu gebären ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hier ist also tatsächlich ein Staat gefragt, der sich nicht mit dem Verweis auf die Selbstverwaltung oder bestehenden – änderbaren Rechtsnormen – zufrieden gibt. Gleichzeitig sind Schwangerschaft, Geburt und Erziehung von Kindern eine höchst private Angelegenheit, in die der Staat sich nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen und einer ausreichenden Abwägung gleicher Rechte und unter Wahrnehmung der Fürsorgepflicht, einmischen darf.

Stehen nun Selbstbestimmung und gesamtgesellschaftliche Sorge einander unvereinbar gegenüber?
Ganz im Gegenteil wie ich finde!
Gemäß Art. 12 des UN-Sozialpaktes hat jeder das Recht, auf das für sich erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit. Dieses Höchstmaß ist einerseits durch die persönlichen Voraussetzungen und andererseits durch die staatlichen Strukturen begrenzt.

Und natürlich sollte deshalb die Infrastruktur in Deutschland eine andere sein als in den Ländern der dritten Welt. In der Definition der elementaren Kernversorgung ist im Sozialpakt übrigens explizit von Hebammen die Rede und von einer gerechten regionalen Verteilung aller medizinischen Einrichtungen.

Schon diese beiden Punkte sind gegenwärtig nur noch unzureichend erfüllt. Von 1.142 Fachabteilungen mit Geburtshilfe im Jahr 2000 sind 2014 noch 850 verblieben. 2014! Das entspricht schon heute nicht mehr dem aktuellen Stand und korreliert keinesfalls mit der Entwicklung der Anzahl der Geburten. Höchstens mit einer Prognose der Bevölkerungsentwicklung für 2030. Heute schon für morgen sparen, ist maximal für Bausparverträge oder die Altersvorsorge ein funktionierendes Konzept.

Sparen ist auch für noch vorhandene Kreißsäle eher kontraproduktiv. Entsprechend einer repräsentativen Studie des DHV betreuen 35 Prozent der Hebammen zwei Frauen gleichzeitig. 46 Prozent geben an, sogar drei Frauen gleichzeitig zu betreuen. Ich will jetzt noch gar nicht darüber sprechen, was das für Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Hebammen hat. Ich will Ihnen sagen, was das für unsere Kinder und uns Frauen bedeutet:

Mehr Interventionen, größere Risiken, Traumatisierungen und deutlich weniger gesunde Geburten.
Nur etwa 10 bis 15 Prozent aller Geburten verlaufen heute ohne medizinische Eingriffe.
Wussten Sie, dass beispielsweise die Daten für die Müttersterblichkeit gar nicht ausreichend erfasst werden? Doch Sie erinnern sich? „Das höchstmögliche Maß an körperlicher und geistiger Gesundheit…“. Erfahrene Geburtsmediziner sagen heute: „Bessere Ergebnisse erreichen wir nur noch mit weniger Medizin. Nicht mit mehr.“ Aus aktuellen Studien wissen wir, dass die 1:1-Betreuung durch eine Hebamme einen weitaus größeren Effekt auf die Sicherheit von Mutter und Kind hat, als die Ausweitung standardisierter Untersuchungsmethoden.

Ich will eine weitere Rechtsnorm anführen:
Nach Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention hat jeder das Recht auf die Achtung des Privat- und Familienlebens. In dem Urteil „Ternovzky vs. Ungarn“ aus dem Jahr 2010 bezieht der Europäische Gerichtshof hierzu Stellung und stellt auch das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes unter diesen Schutz. Es ist eine höchst private Entscheidung wo und wie wir unsere Kinder gebären.

Findige Juristen werden nun auf den Absatz 2 dieses Artikels verweisen und feststellen, dass der Staat hier sehr wohl eingreifen darf, nämlich dann, wenn dieser Eingriff in einer demokratischen Gesellschaft notwendig für den Schutz der Gesundheit oder der Rechte anderer ist.

Rechte anderer? Genau, das Kindeswohl!
Kaum einen Satz hören wir Frauen häufiger in dem Zusammenhang mit der Geburt „Hauptsache, das Kind ist gesund“. Das Kindeswohl gilt es zu schützen. Und natürlich ist das völlig richtig.

Doch meinen Sie nicht, dass wir Frauen, die wir schwanger sind und die Kinder durchschnittlich 268 Tage mit einer natürlichen Schwankungsbreite von fünf Wochen unter dem Herzen tragen – so wir geistig gesund und zurechnungsfähig sind – dass wir Mütter dieses Kindeswohl im Sinn haben? Und glauben Sie tatsächlich, dass eine werdende Mutter, die sich dabei auch noch Sorgen um ihren eigenen Gesundheitszustand macht, per sé nicht in der Lage ist gemeinsam mit dem werdenden Vater verantwortungsvolle Entscheidungen für das eigene Kind zu treffen?
Ist es in einer Demokratie wirklich staatliche Aufgabe Bürgerinnen und Bürger pauschal zu entmündigen und ihrer Rechte zu beschneiden? Denn genau das tun Sie, indem Sie den Frauen mit dem Verweis auf das Kindeswohl nicht das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt ermöglichen.

Der Artikel 5 der Kinderrechtekonvention beschäftigt sich ebenfalls mit diesem Thema. Denn hier geht es ausdrücklich auch um jene Kinder, die noch im Mutterleib sind und deshalb Anspruch auf eine pränatale Vorsorge haben, da auch ihnen die bestmögliche gesundheitliche Versorgung zugestanden wird. Dort wird auch ganz klar definiert, wer die Rechte des Kindes ausübt: Es sind die Eltern.
Sicherlich mag es im Einzelfall notwendig sein, die Eltern bei der Entscheidung zu unterstützen oder sie ihnen, sehr vereinzelt, sogar abzunehmen. Doch dass das Selbstbestimmungsrecht der Frau per sé dort aufhört, wo das Recht des Kindes beginnt – also mit dem Beginn der Schwangerschaft – ist falsch. Es geht um zwei Rechte, die verantwortungsvoll miteinander abgewogen werden müssen.

Dieses verantwortungsvolles miteinander Abwägen braucht jedoch die Mitwirkung professioneller und Mutter-Kind-zentrierter Geburtshelfer. Nur eine angstfreie und umfassende Aufklärung kann zu einer informierten Entscheidung und nur eine angstfreie Arbeitsumgebung zu guten Ergebnissen führen.

In der Praxis allerdings zeigt sich, dass diese hier angeführten und auch weiteren Rechte – ich erinnere an Art. 2 und Art. 6 GG sowie an die Patientenrechte – gerade in der Geburtshilfe sowohl strukturell als auch individuell missachtet werden.

Ich erinnere an die Abschaffung kleinerer geburtshilflicher Einrichtungen in der Fläche. Zuletzt wurde in Mecklenburg-Vorpommern eine Klinik mit einer der geringsten Kaiserschnittraten bundesweit geschlossen.
Ich erinnere an die durchschnittliche Kaiserschnittrate von 30 Prozent, obwohl wir wissen, dass ab etwa 10 bis 15 Prozent laut WHO kein zusätzlicher medizinischer Nutzen erreicht werden kann und zahlreiche gesundheitliche Risiken mit einem Kaiserschnitt für Mutter und Kind einher gehen.
Ich erinnere an Ärzte, die davon sprechen, dass etwa 10 Prozent der Frauen – vielleicht auch mehr – unter der Geburt sowohl in Kliniken als auch außerklinisch körperliche und seelische Gewalt widerfährt.
Ich erinnere an Ärzte und Hebammen, die unter der ständigen Angst vor einer möglichen Haftung Entscheidungen treffen, die sie aus Sicht einer bestmöglichen Geburtshilfe nicht vertreten würden.

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

die Situation der Hebammen ist nur ein Symptom für das kranke System der Geburtshilfe in Deutschland. Vielleicht auch deshalb sollte sie vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Schwangere Frauen sind nicht krank. Geburten sind ein natürlicher Vorgang, der aufgrund eines staatlichen Interesse aus dem jetzigen System weitestgehend herausgelöst und von breiten Schultern getragen werden sollte – auch und gerade in Bezug auf die Haftung. Gleichzeitig muss es darum gehen die Rechte der Kinder und Frauen zu wahren. Dank zahlreicher neuer Studien und Belege wissen wir heute: Es ist nicht egal, wie wir geboren werden. Bitte machen Sie sich deshalb im Bundestag für das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt stark! Binden Sie uns Eltern als direkt Betroffene aktiv und rechtsverbindlich ein! Unser Anliegen ist heute so aktuell wie vor zwei Jahren. Nicht von ungefähr hat sich aus der Facebookgruppe „Hebammenunterstützung“ mit rund 16.000 Mitgliedern, mit der Elterninitiative Mother Hood e.V. – ein Verein gegründet, der bundesweit den Schutz Familien in Schwangerschaft, Geburt und 1. Lebensjahr zum Ziel hat. Seien sie sich schon heute sicher: Wir Frauen, wir Familien werden auch in Zukunft mit lauter Stimme für unsere Rechte eintreten.

Vielen Dank.

 


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