Heile, heile Segen…Weshalb niemand “die Hebammen” retten muss (für Elif*)


 

„Hebammen retten“ ist in den vergangenen Jahren zu einer Art Volkssport mutiert. Mütter tun es, Väter auch, Hebammen sowieso. Aber auch Politiker*innen aller demokratischen Couleur haben das Thema für sich entdeckt. Schwangere oder Neugeborene kommen auf der Beliebtheitsskala gleich nach Katzencontent. „Wir haben es geschafft!“, ruft beispielsweise Hermann Gröhe in bester Merkel-Manier und lobt sich selbst für das Qualitätsmanagement bei Hausgeburten und den von ihm erfundenen Sicherstellungszuschlag für freiberufliche Hebammen mit wenigen Geburten.

Die Versicherer versichern Hebammen (noch) wenn auch zu horrenden Preisen. Was im Übrigen nicht an den Versicherern und auch nicht einer steigenden Anzahl von Schäden liegt. Die Gesamtzahl der Hebammen geht indes trotz dieser Wohltaten stetig zurück. Ursache dafür ist der Volkssport „Hebammen retten“. Denn das hat in etwa den gleichen Effekt, als würde man eine schwere Krankheit aus Kostengründen dort mit einem (sehr) billigen Schmerzmittel zu heilen versuchen, wo eigentlich eine große Operation notwendig ist. Wer „Hebammen retten“ will, der muss das komplette System der Geburtshilfe in Deutschland neu überdenken. Landauf, landab schließen Kreißsäle – trotz steigender Geburtenzahlen – weil sie nicht wirtschaftlich arbeiten können.

Geburten, schon gar nicht die normalen, spontanen, gesunden, bringen den Kliniken einfach nicht genug Geld. Im Gegenteil: Zu viele dieser Geburten führen sogar zu einem Negativeffekt in der Abrechnung mit den Fallpauschalen, den so genannten DRGs. Zu wenig Geld verdienen auch niedergelassene Gynäkologen mit einer einfachen Schwangerschaftsversorge, weshalb es in Deutschland eine hohe Anzahl von Risikoschwangerschaften gibt. Und natürlich verdienen auch die Hebammen viel zu wenig Geld für ihre Dienstleistung, die nicht im Anzünden von Räucherstäbchen und nächtlichen Ausflügen mit dem Besen besteht. Und ausnahmslos alle – eben nicht nur die freiberuflichen Hebammen – leiden unter den steigenden Kosten für die Haftpflichtversicherung. Selbst für Kliniken ist es manchmal bereits schwierig, überhaupt einen Versicherer zu finden. Auf diese Weise ist in der Geburtshilfe eine Art Perpetuum-Mobile enstanden, in dessen Output viel mehr Frauen als medizinisch notwendig und selbst gewünscht per Kaiserschnitt entbunden werden. Mit allen gesundheitlichen Risiken und Folgen für Mutter und Kind. Ein System, in dem immer mehr Akteure ihren Job an den Nagel hängen, wie die Hebammen oder Gynäkologen, oder Kliniken ihre Kreißsäle schließen. Besonders heikel ist dieser Vorgang vor allem in Gebieten, in denen hauptsächlich private Anbieter am Markt agieren, die niemand zu einem geburtshilflichen Angebot zwingen kann.

Betroffen, und das sollte man keinesfalls aus dem Auge verlieren, sind jedoch in erster Linie die Frauen und Kinder – die Familien. 715.000 Kinder wurden 2015 geboren – die höchste Anzahl seit zehn Jahren. Tendenz steigend. Das macht, rechnet man Kinder, Frauen und Väter weit über zwei Millionen direkt Betroffene (nur in 2015) einer seit Jahren fehlgeleiteten Gesundheitspolitik. Alles nicht so schlimm, findet Hermann Gröhe und betont, dass Frauen in Deutschland Frauen auch in zehn Jahren noch sicher Kinder gebären können. Vielleicht erzählt er es der Frau, deren Tochter im Sommer mitten in Berlin tot zur Welt kam. Ein bis dahin gesundes Baby, deren Mutter unter Wehen vom Kreißsaal mehrfach wegen eines überfüllten Kreißsaals abgewiesen wurde. Der vorläufige Höhepunkt einer tragischen Entwicklung. Es wird nicht der letzte Fall dieser Art sein.

Das Recht auf eine bessere Versorgung zu klagen, haben die Frauen nicht. Nachweislich ist die 1:1-Betreuung durch eine, am besten die gleiche Hebamme, die sicherste Form der Geburtshilfe. Das hat nichts mit Wohlfühlatmosphäre und Wunsch nach Luxusgeburten zu tun, sondern mit dem Vorgang einer Geburt an sich. Wer nun „Hebammen retten will“ beteiligt sich am allgemeinen „Pflaster kleben“. Wer wirklich etwas tun möchte, der muss die Fürsorge für Geburten zur staatlichen Aufgabe erklären. Das fängt mit dem Erhalt von Standorten auch auf Staatskosten an und geht mit der Versicherung sowie der angemessene und ausreichende Vergütung für die verschiedenen Akteure weiter. Und das heißt, für alle Gebärenden die gleichen guten Voraussetzungen zu schaffen. Eine 1:1-Betreuung für jede Frau, egal an welchem Ort sie gebärt, muss sichergestellt werden. In einem reichen Land wie Deutschland sollten alle künftigen Staatsbürger von Anfang an die gleichen guten, nach Möglichkeit einklagbaren, Startbedingungen haben. Wer diese Forderung aufstellt und in Regierungsverantwortung umsetzt, holt das große Besteck raus – und rettet ganz nebenbei auch die Hebammen.

*Der tragische Fall von Baby Elif

Mehr über die Situation in der Geburtshilfe gibt es hier:

Mother Hood e.V. – Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt & im 1. Lebensjahr

Anhörung im Bundestag zum Thema “Hebammen”

Über die Lage der Hebammen in Kliniken

Missstände in der Geburtshilfe auch hier nachlesen

Negativeffekt im Abrechnungsystem – DRGs

Erfahrungen im Dialog mit Hermann Gröhe von Hebamme Anja Constance Gaca