3, 2, 1… KEINS! #zappenduster


Geburtshilfe in Deutschland – veröffentlicht in: DIE TAGESPOST – Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur

Hebamme Jessica Schröder legt in Schwerin das Telefon auf. Wieder einmal hat sie „Nein“ gesagt. Heute bereits zu dritten Mal. Eine Frau war auf der Suche nach einer Wochenbettbetreuung. Hoffnungslos ausgebucht sei sie, sagt die junge Frau, selbst Mutter zweier kleiner Kinder. Drei bis fünf Mal am Tag muss sie Absagen erteilen. Für Kurse, Nachsorge oder aber für die Geburtshilfe als Beleg- und Hausgeburtshebamme.
Die Geburtshilfe hat sie nach der zweiten Elternzeit gleich ganz an den Nagel gehängt. Zu viele Frauen müsste sie betreuen, um die Haftpflichtversicherung erwirtschaften zu können. Mit einer eigenen Familie ist das nicht zu vereinbaren. Eine systembedingte, keine freiwillige Entscheidung.

Hebamme Jessica SchroederAuf später, wenn die Kinder groß sind, hofft sie nicht mehr. Bereits ab 2016 gibt es gar kein Angebot mehr für eine Versicherung, die der Staat als Berufshaftpflicht von ihr fordert. Schon das Angebot für 2015, welches nur für diejenigen Hebammen gilt, die im Deutschen Hebammenverband Mitglied sind, ist nicht mehr als eine erzwungene Mogelpackung. Doch in der Klinik arbeiten, das kommt für sie, wie für so viele ihrer Zunft, nicht in Frage. Den Hebammen dort gehe es doch genau so. Geringe Bezahlung und häufig sind drei bis vier Frauen gleichzeitig unter der Geburt zu betreuen. Während Jessica Schröder auf Sparflamme fährt, geht nur wenige Kilometer weiter bald das Licht aus. Der erste Kreißsaal in der Region, der kurz vor der Schließung stand, arbeitet mit Beleghebammen im Schichtsystem. Das wird nicht lange so bleiben. Auch dort drücken die Kosten. Zwei weitere Kliniken werden sich langfristig, trotz stabiler Geburtenzahlen, nicht halten können.
Jessica könnte auch Eva heißen, oder Sabine, oder Ina oder Christine. Sie könnte im Norden, Süden, Osten oder Westen arbeiten, bzw. bald nicht mehr. Denn landauf, landab schließen Kreißsäle, machen Geburtshäuser zu und geben Hebammen ihren Job auf.
Darüber wird viel berichtet und geredet und es wird auch viel versprochen. Dabei geht es um so viel mehr als die vielleicht knapp 18.000 Hebammen. Es sei ja ganz schön, dass so viel über die Hebammen berichtet würde, findet Jessica Schröder, aber wer frage denn bitte mal die Frauen, die die über 670.000 Kinder in Deutschland zur Welt bringen?

Dieser Beitrag könnte nämlich auch ganz anders beginnen: Die in der 15. Woche schwangere Daniela legt das Telefon auf. Erneut hat sie ein „Nein“ gehört. Für sie ist es bereits die fünfte Absage einer Hebamme. Ihre Chancen auf eine Wochenbettbetreuung sind gering. Von der eigenen Hebamme, die sie in den Kreißsaal zur Beleggeburt betreut und dort nur für sie da ist, wagt sie schon gar nicht mehr zu träumen. Auch, wenn sie gelesen hat, dass diese 1:1-Betreuung durch eine Bezugshebamme der sicherste Weg zu einer gesunden Geburt für Mutter und Kind ist. Für die Erstgebärende ist das eine Katastrophe. Kein Geburtsvorbereitungskurs. Allein mit Vorfreude aber auch mit Ängsten. In der Klinik wird sie sich eine Hebamme mit bis zu vier anderen Frauen teilen müssen. Für keine Seite eine angenehme Situation. Ist sie dann wieder Zuhause, steht sie mit vielen Fragen allein da. Rückbildung, Stillen, Neugeborenengelbsucht, Heultage… und nirgends eine vertraute, kompetente Ansprechpartnerin. Das gesamte System der Schwangerenbegleitung und der Nachsorge, basiert auf freien Hebammen. Die intensive Betreuung der Frauen vor, während und nach der Geburt wurde in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut und erzielt deutliche Verbesserungen für die Gesundheit von Mutter und Kind angesichts kürzerer Verweildauer in den Kliniken und oft nicht vorhandener Familienverbände. Nun steht es kurz vor dem Zusammenbruch. Über das Koalitionsversprechen „eine flächendeckende Versorgung mit Hebammenhilfe deutschlandweit zu erhalten“ kann sie deshalb nur noch müde lächeln. Was an diesem Zustand erhaltenswert ist, erschließt sich ihr nicht. Schon heute werden die weißen Flecken auf der Landkarte von Tag zu Tag größer.

Daniela ist eine fiktive Person. Frauen wie sie gibt es überall in Deutschland. Schwangere, die keine Hebamme mehr für die Vorsorge oder Wochenbettbetreuung finden. Frauen, die zum nächsten Kreißsaal mehr als 30 Minuten fahren müssen – nicht wollen. Frauen, die um zu gebären, zwei Wochen vor dem errechneten Termin in ein Boarding-Hotel gehen müssen, da in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld keine Klinik mehr ist. Frauen, die auf dem Rettungswagen ihre Kinder bekommen, wie im September in Ostholstein gleich zwei Mal geschehen. Kinder halten sich eben nicht an Termine. Frauen, die an Kliniktüren abgewiesen werden, weil der Kreißsaal überfüllt ist – oder im Kabuff nebenan entbinden müssen. Frauen, die ihr Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes nicht ausüben können, weil es keine Geburtshäuser oder außerklinisch arbeitenden Gynäkologen und Hebammen mehr gibt. Steigende Interventions- und Kaiserschnittraten. Über 200 geburtshilfliche Stationen haben in den vergangenen zehn Jahren geschlossen. Ein Ende des Sterbens ist noch längst nicht in Sicht.


Das Wunder der Geburt ist zum Wirtschaftsfaktor verkommen. Einen, der sich für keinen der Beteiligten rechnen lässt. Die Danielas und Jessicas dieser Republik haben sich zusammengeschlossen. Auf Facebook organisieren sie ihren Protest. Über 600.000 Unterschriften haben sie gesammelt. Gezielt mit fast 80 Bundestagsabgeordneten, drei Bundesministern, mehreren Landesgesundheitsministern sowie Landtagsabgeordneten gesprochen, Demos und Mahnwachen organisiert.

70.000 sind auf Facebook in Gruppen, wie „Hebammenunterstützung“ und „Rettet unsere Hebammen“, organisiert. Vor Ort sind Vereine, wie Happy Birthday, Greenbirth oder Gerechte Geburt aktiv. Sie alle setzen sich ein: Für ihre Würde, ihre Rechte. Liest man in den Medien, so scheint sich viel zu bewegen. Immer wieder halten Politiker süße Babys in die Kameras. Zuletzt ließ sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in einem Geburtshaus unter einem bunten Gipsbauch ablichten. Er werde den Hebammen helfen, versprach er. Die Medien schrieben fleißig mit. Schrieben sogar, dass der nette Herr Gröhe für niemanden mehr getan hätte, als für die Hebammen. Nähme man diese Überschrift beim Wort, sollte einem angst und bange werden. Denn getan hat sich nichts.

Mit Ach und Krach einigten sich Hebammenverbände und Krankenkassen im Sommer auf die Übernahme der gestiegenen Kosten durch die Haftpflichtversicherungen und verlagerten das Ende damit um ein weiteres Jahr. Die jüngst verkündete Regressdeckelung für die Sozialversicherer mit der der Bundesgesundheitsminister die Kosten für die Versicherung zumindest einfrieren will, ist rechtlich hoch umstritten und wird vermutlich nicht durchsetzbar sein. Und selbst wenn: Unklar bleibt, ob die Haftpflichtversicherer überhaupt noch annehmbare Angebote für Geburtshilfe machen werden.

Derweil der Staat noch an einzelnen Symptomen doktert, sind sich Kassen, Versicherer, Ärzte, Hebammen und vor allem die Familien einig: Ein Systemwechsel muss her. Während einige Lobbyisten und Ewiggestrige noch die Errichtung großer Perinatalzentren, mit unter Umständen (zu) langen Anfahrtswegen fordern, sind die meisten der Beteiligten in ihrem Denken schon weiter. Sichere Versorgung geht nur wohnortnah. Die Länder müssen an dieser Stelle ihren Versorgungsauftrag wahrnehmen und auch kleinere Kreißsäle oder Geburtshäuser schützen. Eine Trendumkehr, weg vom Kaiserschnitt und hohen Interventionsraten, hin zur natürlichen Geburt, ist für alle Beteiligten wünschenswert und letztlich volkswirtschaftlich günstiger. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, um Überforderungen und damit Gefährdung von Müttern und Kindern zu vermeiden, ist absolut notwendig. Genauso wie ein Umdenken hinsichtlich der Versicherbarkeit. „Kinder gehen uns alle an“, sagen die Elternaktivisten und fordern deshalb die Einrichtung eines Haftpflichtfonds für alle Gesundheitsberufe. Eine solidarischer Systemwechsel, der auch aus Sicht von Experten unvermeidbar sein wird. Doch die Forderungen der Eltern gehen noch weiter. Es reiche nicht mehr, dass über sie gesprochen werde. Es sei an der Zeit, dass man sie persönlich höre, mit in die Planungen einbinde, mit ihnen verhandle. Jüngst knipsten sie der deutschen Geburtshilfe auf Facebook symbolisch das Licht aus. Unter #zappenduster stellten die Aktivisten ihr Profilbild auf schwarz. Rund 100.000 Menschen erreichten sie mit dieser Aktion. Das Sterben in der Geburtshilfe sei leiser geworden, so heißt es in dem zugehörigen Aufruf, jedoch nicht weniger. Zulassen wollen die Eltern das nicht.

(c) Michaela Skott

http://www.die-tagespost.de/politik/Die-Geburtshilfe-steht-vor-dem-Aus;art315,156156